Energieanwendung

20.11.2019

Faszinierende Kälte im Vallée de Joux

Das Waadtländer Uhren­tal ent­faltet im Winter einen besonderen Charme.

zVg Thomas Tschan / Keystone-SDA, Valentin Flauraud / Jaeger LeCoultre
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Im Winter wird der Lac de Joux zu einer gigantischen Eisbahn.

Entlegen, entrückt, dazwischen und sehr kalt. Das Vallée de Joux liegt zwischen dem warmen Genfer­see­gebiet und Fran­kreich. Am Zug­fenster ziehen Lärchen vorbei, der Baum der Kälte und der Berge, und dann der See, ein Bergsee in einer arktisch anmutenden Welt. Überall stehen hohe Brenn­holz­stapel. Aus den Kaminen steigen feine Rauch­fäden und wickeln sich um die Häuser, bis die Gebäude in kleinen Rauch­knäueln verschwinden. Der Wind fegt im Winter bissig über den See, und die Blech­verkleidungen an den Häusern verhindern, dass er die hart erarbeitete Wärme wieder hinaus­bläst.
Wenn der See zufriert, verwandelt er sich in eine riesige Schlitt­schuh­bahn und entwickelt ein eigenes Leben. Der Wind bringt die Eisdecke zum Schwingen. Der See singt und heult und jault mit Tönen, die sich mal da und mal dort durchs Tal wälzen, überall und nirgends. Manchmal knackt und knirscht und knallt das Eis. Es ändert da und dort seine Farbe, sieht einmal aus wie gefrorene Wellen und dann wieder wie klares Wasser.

Kälte als Wirtschaftsmotor

Die Kälte hatte schon immer nicht nur Nach­teile. Sie wurde zum heim­lichen wirt­schaft­lichen Motor des Tals. Erst wurde hier die Holz­kohle für die Schmieden von Vallorbe hergestellt, und dann kam in den 1870er-Jahren die Eisen­bahn. Plötzlich fand sich das Tal nicht mehr am Rand, sondern auf halbem Weg zwischen Italien und Paris. Die Bauern begannen, das Eis des Sees in Blöcke zu sägen und zu ver­kaufen. Es gab im Tal spezielle Eis­lager, wo die Blöcke auf Schlitten ankamen und sorg­fältig in Sägemehl verpackt auf die Eisen­bahn umgeladen wurden. In den Städten wurde das Eis teuer verkauft, Braue­rei­en waren grosse Ab­nehmer. In Privat­häusern legte man es sich in den isolierten «Eiskasten», um Lebens­mittel zu kühlen. Das Vallée de Joux, ein Lieferant für ein natürliches Luxus­produkt, schon damals – bis die Eis­maschine das Geschäft ruinierte. Doch da hatten die Bauern des Tals schon die Uhr­macherei entdeckt. Die Werk­zeuge waren klein und handlich, und die ganze Familie konnte mitarbeiten in den Ateliers im Dachstock mit den grossen Fenstern.

Aus dem See gesägtes Eis (hier auf einer kolorierten Post­karte) war das erste Luxus­produkt aus dem Vallée de Joux.

Das Uhrenwissen konzentriert sich im Tal

Diese Uhrmacher-Bauernhöfe gibt es noch immer im Tal. Doch in jedem Dorf residiert mittlerweile eine international bekannte Uhren­marke. Am Anfang waren sie nur billige Zulieferer für die Genfer Uhr­macher, Heim­arbeiter, wie fast alle zu Beginn der Industrialisierung in der Schweiz. Sie machten Kronen, Lünetten, Zeiger, Zahn­räder. Doch immer mehr kon­zen­trierte sich das Wissen im Tal für alle Kom­po­nenten. Schliess­lich brauchten sie die Genfer nicht mehr, und die Kälte schloss das Wissen im Tal ein.
Rund um den See entstanden Fabriken, die aus­sahen wie Schul­häuser, mit grossen Fenstern und Arbeits­plätzen, in denen die Uhr­macher in der Sonne sassen: die Arme auf den brust­hohen Arbeits­tischen aufgelegt, in einem Auge eine 
Lupe, konzentriert an winzigen Wunder­werken arbeitend. Im Tal mit gerade mal 6000 Ein­wohnern gibt es heute rund 40 Firmen der Uhren­branche – eine pro 150 Menschen.

Das Emaillieren ist eine alte Dekor-Technik in der Uhren­branche.
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Winzig, kompliziert, schwerelos

Bei Jaeger-LeCoultre in Le Sentier gibt es eine Art Schau­lager, in dem Dokumente, technische Zeichnungen und Uhr­werke zu­gänglich sind. Da ist etwa die winzige Duoplan von 1920 mit einem Uhr­werk auf zwei Ebenen, das es erlaubte, eine Uhr in einem grazilen Damen-Armband zu verstecken. 1932 entwickelte man in schönstem Art déco die Reverso für Polo spielende Offiziere des britischen Empire. Die Uhren waren am Arm­band drehbar, damit der metallene Boden gegen aussen zeigte und die Uhr schützte.
In der Abteilung «Haute Horlogerie» arbeiten Uhr­macher bisweilen während neun Monaten an einer einzigen Uhr. Die Teile haben oft nur die Dimensionen von Staub­körnern. Bei Jaeger-LeCoultre ist das Gyro-Tourbillon der Stolz der Firma. Es enthält die Unruhe, welche der Uhr den Takt vorgibt, bestehend aus mehr als 100 Teilen und doch kaum ein Gramm schwer.

In die Gehäuse­rohlinge werden nach und nach immer kompliziertere Systeme eingebaut.
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Mit den alten Guillochier-Maschinen lassen sich komplizierte Muster auf Ziffer­blätter und Gehäuse­böden gravieren.
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Kleine Welt riesengross

Dieser Mikro-Wahnsinn wird in der Haute Horlogerie «Komplikationen» genannt, mit Minuten­repetitionen, in denen angeschlagene Klang­drähte die Zeit erklingen lassen, mit ewigen Kalendern oder nur schon einem «normalen» Tourbillon. Die Teile sind heute nur noch mit modernsten Werkzeug­maschinen her­stell­bar, auch wenn sie nach­her von Uhr­machern und sehr vielen Uhr­macherinnen in wochen­langer Arbeit zusammen­gebaut werden. Und dann schlägt plötzlich wieder die ganz alte Uhr­macher­welt durch. Jaeger-LeCoultre hat ein paar sehr alte Guillochier-Maschinen aufgetrieben – klobige Möns­terchen aus Holz, mit einem Dreh­futter, einer Art Rund-Schraub­stock einer alten Drehbank, und improvisiert scheinenden Gewichten. Sie heben das Gewicht des klobigen Auf­spann­werk­zeugs auf, sodass es mit Hand­rädern schwerelos nach allen Seiten bewegt werden kann. Auf eine Uhren­rück­seite oder ein Ziff­erblatt lassen sich so, mit einem Stahl­stichel, Strich für Strich kom­plizierte Muster zeichnen. Durch ein Mikro­skop scheint die winzige Uhren­welt riesig gross, das Werk­zeug wird nur mit einem Finger sanft ans Werk­stück gedrückt. Verändert man den Druck nur ganz leicht, wird der Strich breiter oder schmaler – malen mit Stahl auf Stahl und feinstem Gespür. «On peut s’amuser – et on peut s’oublier!», lacht die Uhr­macherin. Man hat Spass dabei – und kann sich dabei völlig vergessen.
Das ist es, was das Vallée de Joux ausmacht. Sich vergessen, wenn man dem Ufer des Sees entlang­spaziert, wenn der Wind feine Staub­wirbel aus Schnee­kristallen übers Eis treibt, während sie in den Häusern mikro­skopisch kleine 
Wunder­werke bauen, hier in diesem kalten Tal zwischen den Welten.

Die Energie der Uhren

Uhrmacher sind Meister darin, Energie in kleinsten Mengen zu erzeugen, zu speichern und zu portionieren. Als Speicher dienen meist Federn, und die Energie kam ur­sprünglich durch das Auf­ziehen in die Uhr. Buch­stäblich «auf-gezogen» wurden die schweren Steine, welche den Kirch­turm­uhren als Energie­quelle dienten. Mit dem auto­matischen Werk für Armband­uhren erfand die Branche ein Uhr­werk, das sich dank der Bewegungen des Armes selbst auf­zieht. Viele dieser Techno­logien wurden durch Batterien und elektrische An­triebe verdrängt, feiern aber teil­weise ein Come­back. So gibt es Versuche mit Herz­schrit­tmachern, die sich ähnlich wie auto­matische Uhren selbst aufziehen. Die Operation zum Wechsel der Batterien würde somit entfallen. Eine der spek­tak­ulärsten «Energie­maschinen» der Uhren­branche ist die «Atmos»-Uhr von Jaeger-LeCoultre. Sie zieht sich allein durch Änderungen der Tem­peratur im Gehäuse auf.

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