Energieanwendung

17.05.2018

«Nachhaltig heisst wandelbar»

Durch die verschiedenen Lebensphasen ändern sich auch die Wohnbedürfnisse. Mit sogenannten Clusterwohnungen trägt die Architektin Vera Gloor trägt dieser Entwicklung Rechnung. Strom erklärt sie die Vorteile dieser nachhaltigen Wohnform.

zVg Pirmin Rösli / zVg Julieta Schildknecht / zVg Andrea Vedovo
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«Eine WG für Individualisten»: So hat der «Tages-Anzeiger» Clusterwohnungen einst charakterisiert. Ganz gleich, wer in ihnen wohnt – Clusterwohnungen reduzieren den Flächenverbrauch pro Person.
Als Sie 2011 in Zürich die ersten Clusterwohnungen gebaut haben, war das eine neue, noch ungewohnte Wohnform. Wie sind Sie dazu gekommen?

Schon bevor wir unser erstes Projekt realisierten, haben wir uns mit der Idee des individuellen Gemeinschaftswohnens auseinandergesetzt. Als wir an der Zürcher Langstrasse ein Wohnhaus sanierten, wollten wir anstelle der üblichen luxuriösen Dachmaisonetten zahlbare Kleinwohnungen realisieren. Damit möglichst viele Bewohner von dieser speziellen Lage profitieren konnten. Das wurde wegen der lärmbelasteten Langstrasse nicht bewilligt. So packten wir die vier Kleinwohnungen in eine Grosswohnung – mit je einen grosszügigen Schlaf- und Wohnraum mit integrierter individueller Nasszelle. Dazu kombinierten wir einen Gemeinschaftsraum über zwei Geschosse mit offener Küche und eine separate Lounge. Und dann die grosse Dachterrasse für alle. Das ist ein besonderes Phänomen der Gemeinschaftswohnung: Durch die Überlagerung wird es nicht enger, sondern grosszügiger. Die Verdichtung schafft Freiraum.

Clusterwohnungen sind Grosswohnungen, die mehrere Kleinwohnungen zusammenfassen. Diese umfassen Bad und Kochnische. Der grosse Gemeinschaftsraum – allenfalls auch eine Küche – wird von allen Mietern genutzt.
Clusterwohnung
Entsprach diese Wohnform den Bedürfnissen der Wohnungssuchenden?

Unser erstes Inserat betitelten wir mit «Wohnen in Gemeinschaft». Das Konzept fanden zwar alle interessant, aber selbst so wohnen, zusammen mit ­Menschen, die man noch nicht kennt, das wollte niemand. Als wir in einer nächsten Runde 2-Zimmer-Wohnungen inserierten und die Leute sahen, wie viel Raum sie für den günstigen Mietzins ­erhielten, waren die Wohnungen sofort vermietet.

Hat sich zu heute etwas verändert?

Die Lebenskonzepte sind noch vielfältiger geworden. Die klassische Kleinfamilie wird seltener. An ihre Stelle treten mehr Singles und Patchwork-Familien. Das Bedürfnis nach konventionellen Familienwohnungen entspricht nur einem bescheidenen Teil der Stadtbevölkerung und auch nur in einer begrenzten Lebensphase. Zudem ist die Nachfrage genügend abgedeckt. Wir brauchen wandelbare Strukturen für verschiedene Wohnbedürfnisse. Inzwischen gibt es «Sharing» in jedem Lebensbereich. Auch die Vorteile von geteiltem Wohnen werden immer mehr erkannt.

Weshalb zieht jemand in eine Clusterwohnung?

Es gibt viele Gründe, diese Wohnform zu wählen: soziale – nicht einsam sein; ökonomische – komfortabel wohnen zu einem bezahlbaren Preis; sowie öko­logische – Mehrfachnutzung von Raum und Material. All diese Aspekte können zu dem Entscheid führen.

Sind es eher ältere oder jüngere Menschen, die diese Wohnform wählen?

Clusterwohnungen eignen sich für jedes Alter und bieten entsprechende Vorteile. Jüngere Bewohner sind allerdings mit dem Sharing-Konzept bereits vertraut – nutzen etwa Mobility, haben in Wohngemeinschaften gelebt. Ältere Wohnungssuchende wünschen sich zwar auch eine flexible Gemeinschaft, aber sind zum Teil zu unbeweglich und es dauert lange, bis sie sich entscheiden.

Was sind Herausforderungen dieser gemeinschaftlichen Wohnmodelle?

Der Gemeinschaftsraum verlangt ein gewisses Commitment und eine Auseinandersetzung mit der direkten Umwelt. Vor allem der mittleren Generation fällt dies eher schwer: Die «Post-68er» möchten nach dem Ausbruch aus der Konvention vielfach «den eigenen Weg gehen», sich in den «eigenen vier Wänden» verwirklichen, sie sehen die Vorzüge des Teilens weniger locker. «Verfügbarkeit anstatt Besitz» ist eine Erkenntnis, welche der jungen Generation selbstverständlich erscheint, beinhaltet aber natürlich auch eine gewisse Unverbindlichkeit, die für das gemeinschaftliche Wohnen wiederum nicht unbedingt vorteilhaft ist.

Was ist Ihr grösster Anspruch an sich als Architektin?

Ich möchte Lebensraum schaffen, nicht Baukunstwerke – auch wenn ich architektonische Konzepte, die bis ins Detail umgesetzt werden, äusserst faszinierend finde. Am meisten aber interessieren mich die Bewohner und ihre Bedürfnisse. Im Zentrum meiner Arbeit steht der Mensch, für ihn bauen wir Räume und Städte. Damit unsere Bauten und Städte von verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewohnt werden können, müssen die Wohnungen zahlbar sein. Das hat mit den Baukosten aber auch mit dem Markt zu tun. Vernünftig bauen geht nur, wenn der Marktpreis vernünftig ist und das ist zur Zeit sehr schwierig.

Nachhaltiges Baues ist in aller Munde. Was verstehen Sie darunter?

Nachhaltig ist für mich ein sehr umfassender Begriff mit einer kulturellen, sozialen, ökologischen und ökonomischen Bedeutung. Alle Komponenten fliessen ineinander hinein, ergänzen und beeinflussen sich gegenseitig. Nachhaltig heisst für mich aber auch wandelbar, entwicklungsfähig, veränderungsfähig. Wir sprechen heute auch von Suffizienzarchitektur: Ressourcen sparen, wertschätzen, erhalten, entwickeln. Wenn wir den Gebäudepark Schweiz anschauen, finde ich es zunehmend wichtig, die wertvolle Substanz sinnvoll zu erhalten, zu erneuern und zu ergänzen.

Was sind Ihrer Meinung nach die nachhaltigsten, naturverträglichen Energieformen – jetzt und in Zukunft?

Die Sonne, der Wind, das Wasser, die Erde. Es gibt so viele Formen von Energie in der Natur, die wir nutzen dürfen. Wir müssen mit unserer Intelligenz daran arbeiten, diese einzufangen und zu speichern, ohne anderweitigen Schaden zu verursachen.

Wie erfahren Sie, was die Bedürfnisse der Menschen punkto Wohnen sind bzw. wie spüren Sie Wohntrends auf?

Durch Zuhören und Beobachten. Unsere jungen Mitarbeitenden erzählen viel über ihre Bedürfnisse, so erkennen wir die Veränderungen und Tendenzen. Auch ältere Mitmenschen verändern sich mit jeder Generation. Es ist eine Frage von Interesse und Wahrnehmung.

Vera Gloor

Zur Person

Vera Gloor ist Architektin, Inhaberin und Geschäftsführerin der «Vera Goor AG» in Zürich.

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